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Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen – Der Weg in die totale Kontrolle

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Norbert Häring „Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen – Der Weg in die totale Kontrolle“
Norbert Häring „Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen – Der Weg in die totale Kontrolle“

Der Journalist Norbert Häring hat schon so manchen Coup gelandet. Auf seinem Blog „Geld und mehr“ nahm er im Herbst 2014 das damals gerade erschienene Sachverständigenratsgutachten quasi im Alleingang auseinander, sogar die ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ griff seine Kritik auf. Einer größeren Öffentlichkeit wurde Häring Anfang 2015 bekannt, als er die Überweisung seines Rundfunkbeitrags einstellte und auf Barzahlung desselben pochte. Seither liefert er sich einen Rechtsstreit mit dem Hessischen Rundfunk. Die Zeitschrift „Stern“ bezeichnete ihn danach als „GEZ-Rebell“, auch die „Bild“ berichtete.

 


Darüber hinaus setzt sich Häring für den Erhalt des Bargelds ein. Um herauszufinden, wie weit dieses schon zurückgedrängt ist, versuchte er im Oktober 2015 bei einer Großbank in Frankfurt 15.000 Euro abzuheben. Häring macht all dies freilich nicht ohne Grund, denn er will aufklären und aufrütteln. Er will, dass „die Parlamentarier ihre Pflicht tun und sich endlich gesetzgeberisch mit dem Geldsystem befassen“, wie er sagt. Nun ist Härings neues Buch erschienen. „Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen – Der Weg in die totale Kontrolle“, heißt es. Dessen Kernaussagen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Die Aktivitäten mit dem Ziel, das Bargeld abzuschaffen, nehmen in jüngster Zeit auffällig zu. Anfang des Jahres sprach Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble von einer Obergrenze für Barzahlungen von 5 000 Euro, die Europäische Zentralbank (EZB) will den 500-Euro-Schein abschaffen und beim Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte der Chef der Deutschen Bank, John Cryan, dass das Bargeld ineffizient sei und in zehn Jahren nicht mehr existieren werde. Die Abschaffung des Bargelds soll den Kampf gegen Terrorismus, Geldwäsche und organisierte Kriminalität erleichtern, heißt es. Häring geht dagegen davon aus, dass die treibende Kraft dahinter die Finanzbranche ist und nicht die Strafverfolgungsbehörden.

Die Beweggründe liegen auf der Hand: In Zeiten von Nullzinsen, milliardenschweren Anleihekaufprogrammen und hohen Staatsschulden sind die Handlungsspielräume in der nächsten Finanzkrise begrenzt. Mit der Abschaffung des Bargelds ließen sich negative Zinsen auf Sparguthaben besser durchsetzen. Das ist gut für die Banken wie auch für die EZB. Auch einen Bank Run kann es ohne Bargeld nicht mehr geben. „Die nächste Krise kommt bestimmt. Deswegen ist es wichtig, das Bargeld vorher zurückzudrängen“, schreibt Häring. Die Nachteile dagegen hätte der Bürger. Sein Geld wäre bei den Banken eingesperrt, die Ersparnisse in der nächsten Finanzkrise im Zweifel „futsch“. Häring warnt zudem vor der „totalen Kontrolle“ durch Staat und Unternehmen, sollte künftig nur noch mit Karte oder Handy gezahlt werden.

Hinter der Anti-Bargeld-Kampagne stecken verschiedene Köpfe der internationalen Finanzszene, allen voran der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers, der US-Ökonom Kenneth Rogoff und EZB-Präsident Mario Draghi. Häring nennt sie die „Anti-Bargeld-Krieger“. Diese kennen sich aus verschiedenen internationalen Netzwerken, etwa der Group of Thirty, der Harvard-University oder von Bilderberg-Konferenzen. Auch die US-Banken JP Morgan Chase und Goldman Sachs haben ihre Finger mit im Spiel.

Diese „Anti-Bargeld-Krieger“ treiben die Abschaffung des Bargelds auf internationaler Ebene voran. Deutschland ist diesbezüglich nur ein Nachzügler, in vielen anderen Ländern sind Bargeldobergrenzen bereits eingeführt, darunter Frankreich, Italien, Griechenland, Portugal und Spanien. In Europa ist der „Kampf gegen das Bargeld“ in Schweden am weitesten fortgeschritten, wo viele Banken kein Bargeld mehr akzeptieren und das ABBA-Museum ein Vorreiter bei der Bargeldabschaffung war. Auch in manchen Staaten Afrikas ist das Bezahlen mit Scheinen und Münzen kaum mehr möglich.

In den Medien ist das Thema Bargeld in den vergangenen Monaten durchaus auf Resonanz gestoßen. Auch die „Nachdenkseiten“ berichteten, z.B. hier und hier. Zudem gab es in Frankfurt eine Pro-Bargeld-Demo, und nicht zuletzt kam zuletzt auch der Ökonom Max Otte mit dem Büchlein „Rettet unser Bargeld“ auf den Markt. Insofern dürfte die Bargeld-Problematik schon manchem Leser bekannt sein.

Vor diesem Hintergrund ist Härings Buch all jenen zu empfehlen, die sich tiefer mit den Themen Geld, Geldschöpfung und Bankenmacht beschäftigen wollen. Denn Häring leuchtet auch all jene Bereiche aus, die sich hinter der Bargeld-Problematik verbergen. Ja, man könnte auch sagen, Häring knüpft mit seinem Buch dort an, wo jenes dem US-Automobilunternehmer Henry Ford zugeschriebene und inzwischen berühmt gewordene Zitat endet: „Eigentlich ist es gut, dass die Menschen der Nation unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen. Würden sie es nämlich, hätten wir noch vor morgen früh eine Revolution.“

Die heutige Geldordnung ist historisch gewachsen und nur „unvollständig, missverständlich, mehrdeutig und widersprüchlich geregelt“. Zudem ist sie maßgeblich von den Banken geprägt, die obendrein auch noch einen enormen Geldschöpfungsgewinn einstreichen. Im Euroraum könnte dieser sich im dreistelligen Milliardenbereich bewegen. Der Geldschöpfungsgewinn resultiert daraus, dass die Banken das Geld, das sie verleihen, selbst schaffen und nichts dafür zahlen müssen. Wie der Prozess der Geldschöpfung tatsächlich funktioniert, ist in der Öffentlichkeit aber kaum jemandem bekannt. Und das ist auch so gewollt, glaubt Häring. „Die Menschen sollen möglichst nicht verstehen, wie die Banken Geld einfach aus dem Nichts schaffen und dennoch hohe Zinsen dafür nehmen.“ In solch einem System profitieren die Banken freilich auch von der Abschaffung des Bargelds. Denn die Pflicht dieses vorhalten zu müssen, schmälert ihren Geldschöpfungsgewinn.

Auffällig ist zudem, dass sich die Notenbanken bestenfalls nur halbherzig für den Erhalt des Bargelds einsetzen, obwohl es doch das Geld ist, das sie selbst herausgeben. Häring sieht hier eine „Mittäterschaft der Währungshüter“, die sich vor allem historisch erklären lässt. Denn die Notenbanken waren früher oft private Institute und sind es zum Teil heute noch. Zudem gibt es einen regen Personalaustausch zwischen Noten- und Geschäftsbanken. EZB-Chef Draghi, der Chef der Bank von England, Mark Carney, sowie der Chef der Federal Reserve von New York, Bill Dudley; sie alle waren früher Bankmanager. „Notenbanker – obwohl sie formal ein (unabhängiger) Teil der Regierung sind – verstehen sich seit jeher als Teil der Bankenbranche und als Bewahrer von deren Interessen“, schreibt Häring.

Und nicht zuletzt sieht Häring auch Parallelen zwischen der Beseitigung des Goldstandards Anfang der siebziger Jahre und den Aktivitäten zur Abschaffung des Bargelds heute. Denn Gold und Bargeld haben aus Sicht der Banken zwei Dinge gemeinsam: Sie sind sowohl Konkurrenten des von den Banken geschaffenen Buchgeldes als auch gut sichtbare Krisenindikatoren. Deswegen ist es für die Finanzbranche sinnvoll, die Attraktivität des Goldes zu beschädigen und das Bargeld zurückzudrängen.

Häring mag mit seinem Buch zwar einen schier aussichtslosen Kampf gegen eine übermächtig erscheinende Finanzbranche führen. Möglicherweise kann er aber inzwischen doch einen kleinen Anfangserfolg für sich verbuchen. Denn am 31. Mai war in der „Börsen-Zeitung“ folgende Überschrift zu lesen: „Die Notgroschen der Eurobürger – Bargeld gewinnt an Bedeutung, aus Sorge um seinen Bestand und als Reaktion auf die EZB-Geldpolitik“.

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